Das brutale Warten

Tick, tack, tick, tack – die Zeit läuft unaufhaltsam ab. Im Normalfall kümmert einem dies ja nicht. Man hat genügend Zeit um seine Zeit zu vertrödeln. Jeder weiss zwar, dass irgendwann fertig ist, den Löffel abgibt. Aber als 40-Jähriger ist das noch weit weg. Irgendwann in 40 Jahren oder so.
Aber was ist, wenn die Zeit einem durch die Finger rinnt. Man weiss zwar nicht genau, wann das Ende kommt. Es kommt aber bald. Es geht nicht mehr um Jahrzehnte. Es geht um Monate, vielleicht auch nur noch Tage.

Soll man jeden Tag doppelt so bewusst leben? Dinge nachholen, die man meint verpasst zu haben? Oder verdrängt man einfach alles? Meine Frau Lucero macht von allem irgendwie alles. Immer wieder wird sie sich bewusst, dass sie bald stirbt. Dann gibt es wieder Zeiten in denen sie einfach alles verdrängt.

Und was soll man als Angehöriger davon halten? Ich glaube inzwischen, dass ich einfach meine Frau unterstützen muss. Lange habe ich immer wieder versucht sie mit der Realität zu konfrontieren.

Muss man noch kämpfen?

Seit der Diagnose vor zwei Wochen habe ich jedoch meine Meinung geändert. Die Ärzte sprechen nicht mehr von heilen. Es geht nur noch darum das Leben zu verlängern, oder ohne Schmerzen zu sterben. Ab diesem Punkt gibt es eigentlich nichts mehr zu gewinnen.

Es bringt in einem solchen Fall auch nichts mehr meine Frau ständig mit der Realität zu konfrontieren. Diese kommt sowieso irgendwann. Dann beginnt ein Organ nach dem anderen zu versagen. Die Lebenskraft nimmt immer mehr ab. Sie wird immer müder. Und irgendwann ist fertig.

Das jetzt zu schreiben fällt mir noch relativ leicht. Es ist einfach ein intellektuelle Herangehensweise. Aber was ist, wenn es dann wirklich soweit ist? Was ist, wenn sie nicht mehr fröhlich ist, nicht mehr lächelt. Dies macht mir extreme Angst.


 
 
 

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