Wild West

Was ist dies für ein Land? Diese Frage beschäftigt mich in letzter Zeit Vermisstenanzeigen in der Metrowieder mehr. Einerseits bin ich mit den ständig wachsenden Armensiedlungen am Rand von Mexiko-Stadt konfrontiert (siehe auch hier). Der Baumboom hat auch in den letzten Wochen angehalten. Aus einem Dutzend Blechhütten wurde inzwischen ein kleines Dorf.
Daneben beschäftigen mich auch die Vermisstenanzeigen in der Metro. Dabei handelt es sich meist um Frauen. Was mit den Vermissten passiert ist, das ist ungewiss. Einerseits werden Frauen entführt und landen später in den USA oder auch Mexiko auf dem Strich. Es kommt auch immer wieder zu Entführungen, in welchen es ums Lösegeld geht. Nicht zuletzt werden Personen verschleppt und fallen Organhändlerringen zum Opfer. Aufgeklärt werden die Fälle selten bis nie.

Ungeklärte Frauenmorde
Die spektakulärsten Fälle sind wohl die Frauenmorde in der Grenzstadt Ciudad Juarez. Seit 1993 wurden über 370 weibliche Leichen entdeckt. Dazu kommen noch 400 Frauen, welche gemäss Amnesty International vermisst werden. Gemäss den Ermittlern habe es sich bei den meisten Morden um innerfamiliäre Konflikte gehandelt. Angehörige der Opfer beklagen sich dagegen, dass sie von den Behörden nicht ernst genommen wurden. In einem Land, in welchem die Polizei völlig korrupt ist, verwundern diese Vorwürfe wenig. Viele Frauen wurde sexuell missbraucht. Ein grosser Teil war bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ein Mord aus Affekt im familiären Umfeld wurde wahrscheinlich anders enden.

Mexikanischer Rechtsstaat inexistent?
Das die Gesetzte hier in Mexiko nicht viel zählen zeigen auch die ungeklärten Morde an zahlreichen Journalisten. Wer es wagt und ernsthaft über die Machenschaft der Drogenmafia schreibt, hat meist nicht mehr lange zu leben. Das einzige was die Narcos akzeptieren sind die schrecklichen Bilder von Exekutionen. Dies dient letztlich als Werbung um die Bevölkerung einzuschüchtern. Sobald allerdings ein Journalist über Verbindungen zwischen der Mafia, den Behörden und der Politik schreibt, muss er um sein Leben fürchten. Denn nun ist der mögliche Einfluss der Kartelle auf den Staat gefährdet. Dies will man nicht tolerieren.
Schutz von Seiten der Regierung und Behörden können solche ungemütliche Journalisten nicht erwarten. Entweder ist der Staat, wie etwa in Michoacan, selbst von der Mafia unterwandert, oder aber die Polizei ist absolut machtlos. Denn es gibt für die Beamten oft nur zwei Optionen: Entweder Zusammenarbeit mit den Kartellen und kassieren oder Kugel in den Kopf.

Mexiko, der rechtsfreie Raum
Die Konsequenzen daraus sind überall im Land zu spüren. Es existiert kein Respekt vor dem Gesetz. Warum auch? Wer setzt sich schon ernsthaft für dieses Paragrafen-Buch ein. Das Resultat sind die mehrere Meter hohe Mauer um fast jedes Haus. Sobald man etwas, und sei es noch so wenig, besitzt, gilt es dies zu beschützen. Die Reichen gehen gar noch weiter und schirmen sich in eigenen Gettos von der Aussenwelt ab. Diese Siedlungen werden auf Werbeplakaten mit dem Bild von spielenden Kindern auf der Strasse geworben. Das diese Idylle von drei Meter hohen Mauern, Stacheldraht, Überwachungskameras und eigener Security beschützt wird, dies versteht sich von selbst.

Angsthasen oder wirkliche Bedrohung?

Wer sich dies nicht leisten kann, der lebt in ständiger Angst. Die Türen werden mit mindestens zwei Schlössern verriegelt. Dazu kommt ein Stahltor, welches den Innenhof des Hauses oder Wohnblocks von der Aussenwelt abtrennt. Selbst kleinste Zeichen, welche in der Schweiz kaum Beachtung finden würden, versetzten die Mexikaner in Panik. Gekritztes Kreuz in meiner WohnungstürKleines Beispiel: In unserer Wohnung in Cuautitlan wurde wenige Tage nach unserem Einzug an die Türe gespuckt. Für mich ganz klar ein Bubenstreich. Nicht wirklich intelligent, aber auch nicht weiter schlimm. Meine Freundin war dagegen richtig beunruhigt. Die Geschichte ist damit aber noch nicht zu Ende. Als wir heute nach Hause kamen, fanden wir plötzlich ein eingekritztes Kreuz in unserer Wohnungstüre. Dummer Bubenstreich, oder? Was kommt als nächstes? Steckt dahinter etwa die Jugend-Gang, welche sich seit einigen Tagen hier im Quartier breit macht? Ist es ein Nachbar, der mich für einen US-Amerikaner hält, und dem dies nicht gefällt? Eigentlich handelt es sich nur um ein paar unschöne Kratzer in einer neuen Wohnungstüre. Dies würde in der Schweiz wahrscheinlich nichts bedeuten. Doch hier in Mexiko geht man anders miteinander um. Einem Schweizer Kollegen wurde auf das Auto geschossen. Mitten in Mexiko-Stadt gaben die unbekannten Täter mehrere Schüsse durch die geschlossene Garagentüre ab. Ähnlich erging es auch dem Haus des Grossvaters meiner Freundin. Das Gebäude wurde völlig zerstört und unbewohnbar. Wütende Nachbarn durchlöcherten Fenster und Wände.

Wer von den USA als Land der unbeschränkten Möglichkeiten spricht, der sollte nach Mexiko ziehen. Hier kann man alles erleben …


 
 
 

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